Presse-Archiv

30.09.2013

Die Kombination aus Schulmedizin und Komplementärmedizin wird die moderne medizinische Therapie

Der Europäische Kongress für Integrative Medizin (ECIM) ist die bedeutendste Wissenschaftsplattform für die komplementäre und integrative medizinische Forschung in Europa.

Beim diesjährigen Kongress, der am 4. und 5. Oktober 2013 an der Charité Berlin stattfindet, steht die konkrete Anwendung der Forschungsergebnisse für die Behandlung der wichtigsten Erkrankungen der modernen Gesellschaft im Focus. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Integrative Onkologie. Unter anderem werden Ergebnisse der Misteltherapie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs (M. Reif) und generell bei gastrointestinalen Tumoren vorgestellt (T. Seufferlein). Der sich neu ergebende Stand der Integrativen Onkologie wird von führenden Experten aufgezeichnet (G. Dobos und H. Matthes). Modelle der integrativen Onkologie werden von C. Witt analysiert.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die wissenschaftliche Betrachtung der zunehmenden Bedeutung der Mind-Body Medizin (MBM). Dabei werden Daten zur Evidenz von MBM bei Reizdarm und entzündlichen Darmerkrankungen (J. Langhorst) sowie Metadaten zur MBM beim Fibromyalgie-Syndrom (R. Lauche) und zum Nutzen von Yoga bei Schmerzsyndromen (H. Cramer) vorgestellt. Bedeutung und Praxisrelevanz von MBM in der Behandlung des Bluthochdrucks werden anhand neuer Daten einer israelischen Studie aufge-zeigt (A. Ziv). In weiteren Schwerpunktveranstaltungen werden die Möglichkeiten des Ayurveda und der Anthroposophischen Medizin thematisiert. In klinischen Foren berichten ausgewiesene schulmedizinische und komplementärmedizinische Experten zum „State of the Art“ der jeweiligen Methode in der Therapie der rheumatoiden Arthritis (A. Krause, A. Michalsen) und des chronischen Schmerzes (A. Kopf, D. Irnich). Darüber hinaus stellen britische Forscher (G. Lewith) Daten zur Akupunktur bei Schmerzsyndromen vor, und es wird über die Bedeutung spiritueller Aspekte in der Schmerztherapie referiert (A. Büssing).

Themen der Neurologie und Psychiatrie werden kritisch diskutiert, u.a. Daten zur möglichen Bedeutung von Schwermetallen in der Pathogenese der Demenz (H. Walach), der Phytotherapie in der Therapie der Depression (J. Melzer) und grundsätzliche kritische Fragen zur „personalisierten Psychiatrie“ (M. Heinze) und der Möglichkeit einer integralen Psychiatrie (S. Brunnhuber). Auch ungewöhnliche Therapien werden zur Diskussion gestellt, u.a. die Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen mit Eiern des Schweinepeitschenwurms (H. Matthes), eine Metaanalyse zur Blutegeltherapie bei Arthrose (R. Lauche), eine aktuelle Studie zu Ayurveda bei Kniearthrose sowie der Nutzen von Aderlass bei Bluthochdruck (A. Michalsen).

Schließlich wird der ECIM durch einen ganztägigen Schwerpunkt (Junge Ärzte/Medizin von morgen) die Zukunft einer patientenorientierten und integrativen Medizin für die kommende Ärztegeneration thematisieren. Am ECIM werden zahlreiche internationale Spitzenforscher teilnehmen, u.a. B. Berman (USA, Maryland), G. Lewith (Southhampton), A. Haramati (Washington), D. Wahner-Roedler (Mayo-Klinik Rochester) sowie die Leiterin des NCCAM der USA, J. Briggs.

Zunehmende Bedeutung der integrativen Medizin in der Gesellschaft

Die Komplementärmedizin ist bei der deutschen Bevölkerung in ihrer Beliebtheit in den letzten 40 Jahren immer mehr gestiegen. Nutzten Anfang der 70ger Jahre ca. 50 % der Bevölkerung komplementäre Therapieformen, so stieg der Anteil auf über 70% im Jahre 2010. Seit der WHO-Definition von integrativer Medizin als „best practice“ von konventioneller und komplementärer Medizin (CAM) mit einem aufeinander abgestimmten Konzept der Therapieverfahren wird diese von über 80% der Bevölkerung als Medizinrichtung gewünscht.

Grund dieser zunehmenden Beliebtheit von CAM ist der Wunsch der Patienten, ihre eigenen Ressourcen und das salutogene Potenzial zur Selbstheilung zu aktivieren bzw. zu nutzen. Zunehmendes Gesundheitsbewusstsein und auch Kenntnis der begrenzten Möglichkeiten von rein interventionellen und technischen Reparaturverfahren in der Medizin lassen die Patienten nach Behandlungsalternativen suchen. So zeigen z.B. neuere Studien aus der Kardiologie, dass die gesamte sekundäre medikamentöse Prävention nach Herzinfarkt nur 1/10 so effektiv wirkt wie eine Lebensstilveränderung mit Ernährung, Bewegungsprogrammen, Entspannungs- und Meditationsverfahren.

Im Kontrast zur Beliebtheit von komplementärer und integrativer Medizin in der Bevölkerung begegnete die Ärzteschaft diesen Verfahren mit großer Reserviertheit. Die Skepsis bezog sich auf die Einschätzung der Wirksamkeit und auf die wissenschaftlichen Fragestellungen und Studien. Erst in den letzten 10 Jahren konnte durch Etablierung von Stiftungsprofessuren an den  Universitäten ein akademisches Niveau der Forschung zur Komplementärmedizin in Deutschland erreicht werden. Im Gegensatz zu den USA, wird CAM Forschung in Deutschland kaum durch öffentliche Förderung (DFG, BMBF) unterstützt. Hier stehen nach wie vor Stiftungs- und Privatförderungen für komplementäre Forschung im Vordergrund.

USA treiben Naturheilkunde-Forschung voran: Behördenchefin Josephine Briggs auf dem European Congress of Integrative Medicine 2013 in Berlin

Mindestens 300 Millionen Dollar investiert der amerikanische Staat jährlich in die Erforschung der Komplementärmedizin – der international wichtigste Impuls auf diesem Gebiet. 120 Millionen davon vergab 2013 ein Institut der nationalen Gesundheitsbehörde NIH (National Institutes of Health), das National Center for Complimentary and Alternative Medicine (NCCAM). Seine Leiterin Josephine Briggs ist eine der Hauptreferenten des diesjährigen Europäischen Kongresses für Integrative Medizin.

Das Beispiel der USA zeigt, wie erfolgreich die in Deutschland von der „Schulmedizin“ häufig abgelehnte Naturheilkunde sich in die medizinische Forschung und klinische Praxis eingliedern lässt. Dort ist vor rund 20 Jahren auf Druck der Patienten die „Integrative Medizin“ entstanden – die Verbindung von traditionellen Heilverfahren mit der naturwissenschaftlich orientierten Medizin auf wissenschaftlich überprüfbarer Basis. Die Mehrzahl der großen amerikanischen Kliniken, darunter auch so berühmte wie das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York oder die Harvard Medical School in Boston haben seither Abteilungen für Integrative Medizin.

Gesteuert wird diese Entwicklung vom staatlichen NCCAM-Institut, das 1998 vom amerikanischen Congress gegründet worden war und sich seither von einer Lobbyorganisation zu einer respektablen wissenschaftlichen Behörde mit strengen methodischen Ansprüchen gewandelt hat. Unter anderem fördert das NCCAM modernste Ansätze im Bereich der Patienten- und Versorgungsforschung, die in den USA als Folge der Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama zentrale Bedeutung erlangen. Sie zeigen, wie erfolgreich traditionelle Heilverfahren gerade im Bereich chronischer Erkrankungen sind. In Deutschland hingegen ist die Forschung im Bereich Naturheilkunde und traditionelle Heilverfahren völlig auf Stiftungen und private Spender angewiesen. Ausnahme ist ein einziges von der DFG gefördertes Projekt an der Berliner Charité (Prof. Brinkhaus).

NCCAM-Chefin Josephine Briggs ist in Harvard und Yale ausgebildete Biologin und Nephrologin, die unter anderem auch sieben Jahre lang an der Münchner Universität geforscht hat. Ihre Rede auf der ECIM hält sie über „Forschungsziele in der Komplementärmedizin in den USA: Integration statt Spaltung.“ Sie steht am Samstag für Interviews zur Verfügung.

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